Das Floß der Medusa

Das Floß der Medusa

Roman von Franzobel (Franz Stefan Griebl), 592 Seiten, Format 13x21 cm, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Verlag Zsolnay, 26,- €

Ein Buch wie ein Orkan! Die Geschichte basiert auf auf einem dramatischen Schiffbruch, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts ereignete. Frankreich schickte im Juni 1816 einen Verband von vier Schiffen von Rochefort/Charente-Mündung in den Senegal. Die Schiffe sollten Soldaten, Verwaltungsbeamte, Forscher und Siedler in die Kolonie an der afrikanischen Westküste bringen. Eines dieser Schiffe war die Fregatte MEDUSA, die von einem unfähigen Kapitän geführt wurde, der den warnenden Hinweisen seiner Offiziere kein Gehör schenkte. Das Schiff strandete am 2. Juli auf der Arguin-Sandbank, rund 30 Seemeilen vor der Küste Mauretaniens, und drohte zu kentern. Es gelang nicht das Schiff frei zu bekommen und daher wurde es aufgegeben. Von den fast vierhundert Menschen an Bord fand nur ein Teil Platz in den Rettungsbooten, vor allem die privilegierten Passagiere. Für 147 Kinder, Frauen und Männer wurde ein etwa 20 m langes manövrierunfähiges Floß aus Decksplanken und Spieren gezimmert. Dicht an dicht standen die Menschen, bis zu den Hüften im Wasser. Nahrung und Trinkwasser waren schnell aufgebraucht. Schon die Zustände auf dem Schiff waren, zumindest aus heutiger Sicht, grenzwertig. Was sich jedoch auf dem Floß ereignete war ein Kampf ums Überleben und die Preisgabe aller moralischen Regeln, bis hin zum Kannibalismus. Nach zwei Wochen sichtet der Kapitän der Brigg ARGUS das Floß und damit ein Bild des Grauens; ausgemergelte nackte Gestalten, leere Augen, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen.Von den ursprünglich 147 Menschen waren nur noch 15 auf dem Floß..... Über das Geschehen berichteten seinerzeit der junge Schiffsarzt Savigny und der an Bord befindliche Geograf Corréard. Ihre Reporte führten zur Verurteilung des Kapitäns.

Das Buch ist ein epochaler Roman, der in grandioser Erzählkunst die Abgründe menschlicher Natur bloßlegt und damit viel mehr als eine historische Nacherzählung. Franzobel (Bachmann-Preisträger 1995) nimmt den Leser hinein in die Realität eines Bordgeschehens, in die Katastrophe einer grauenhaften Seenot und entlässt ihn erst nach fast 600 Seiten aus einem fiebrigen Traum, der einst Realität war. Er zeigt auf „was mit den Menschen passiert, wenn es keinen moralischen Kompass mehr gibt“ (Zitat Der Tagesspiegel). Das Beste was ich in den letzten Jahren an maritimer Literatur gelesen habe.

NT