Begegnung im Indischen Ozean
Mit dem letzten TOVARISHCH-Kapitän unter Segeln auf großer Fahrt

Das blaue T-Shirt wirkt Wunder. Vor allem die weiße Aufschrift "GORCH FOCK Crew Stralsund". Befragt danach erwidert der Oberbayer Peter Kissner fast schon entrüstet: "Das woaß ma doch. dass dös Schiff da oben liegt".
Schauplatz Phuket, ein vomTsunami schwer mitgenommener, aber wieder aufblühender thailändischer Badeort an der Ostküste der Andamanensee. 80 Mitsegler wollen dabei sein, wenn der elegante Viermaster Star Flyer aus seinem fernöstlichen Winterrevier in die Ägäis versegelt. Quer über den nördlichen lndischen Ozean. Der gibt sich sanft, fern aller gefürchteten sommerlichen Monsunstürme. Das internationale Decksvolk ist begeistert. Auch als sich beeindruckende 3365 Quadratmeter Tuch über ihnen blähen. Auf|takt eines sehr Iangen Segeltörns.
Überraschung auf hoher See
Bis Sri Lanka und Indien geht die Star Flyer nur einmal an den Anker: vor den Similar:-lnseln. Der schneeweißeTraumstrand und das türkisfarbene Wasser mit Badewannentemperatur locken zum Baden, Schnorcheln, Segeln, Kajakfahren und Picknicken. Wer sich noch mal die Füße vertreten möchte, unternimmt auch eine Urwaldwanderung. Doch dann liegt nur noch die endlose See vor uns.
Fritz, Präsident einer großen Versicherung in Sachscn-Anhalt und Reserve-Fregattenkapitän der Deutschen Marine, hat so seine Gedanken dazu: "Sechs Wochen 'raus aus allem, d a s ist es! Frei von Telefon- und E-mail-Terror, ohne alle Verpflichtungen - nur Iockeres Bordleben". Dazu kommt, dass meine Gorch Fock-Kadettenzeit schon vierzig Jahre zurückliegt. lch will jetzt einfach mal wieder segeln, aber eben nicht so hart wie damals". Beim Segelsetzen und -bergen packen viele motiviert mit an.
Auf derjedeerzeit offenen Brücke kommt plötzlich der Kapitän strahlend auf mich zu und schüttelt mir überschwänglich die Hand: "Gorch Fock, welcome on board!" Auch er hat meine Rückenaufschrift geIesen. Wir umarmen uns, als wir spontan feststellen, dass wir alte Bekannte sind. lm August 1993 segelten wir gemeinsam auf der Tovarishch von Rostock rund Rügen zum Strelasund. Damals fuhr er noch als Zweiter Steuermann auf der Bark unter ukrainischer Flagge, ich als Verbindungsoffizier. Bis zum Schluss harrte Yuri Kushenko als Kapitän ohne Gehalt mit ein paar Getreuen in Wilhelmshaven aus, bis die Bark per Dockschiff nach Stralsund verfrachtet wurde.
lm Zeichen von Gorch Fock I
"Großartig, dass lhr mein Schiff gerettet habt“, ist der knapp Fünfzigjährige erleichtert. Nachdem er eine DVD von mir gesehen hat, bietet er uneigennützig Hilfe an: “In der Ukraine gibt es viele Fachleute, die genau wie ich mit Herzblut an dem schönen Schiff hängen“, betont er. „und euch gern mit Rat und Tat unterstützen würden“. Leider habe das Bildungsministerium in Kiew, der damalige Eigner, weder ein maritimes Bewusstsein noch Geld für eine Reparatur gehabt, bedauert der Kapitän. Daher rottet auch das 1988 in Danzig gebaute Vollschiff Drushba in Odessa vor sich hin. (Und inzwischen auch die Khersones in Kerch, Anmerkung der Redaktion). „Ein Jammer“‚ findet er und ist umso glücklicher, auf der Star Flyer eine neue seemännische Heimat gefunden zu haben. Mit dem segelbegeisterten Kreuzfahrtdirektor Peter Kissner plant er sogar einen Gorch Fock I-Abend für die Passagiere. „Für uns ist es eine besondere Ehre“, sagt Yuri zu Beginn, „auch die Stralsunder Taufpatin vom 29. November 2003 an Bord zu haben". Der Abend unter Masten und Sternenhimmel steht ganz im Zeichen des Stralsunder Großseglers, mitten auf dem Indischen Ozean, tausende Seemeilen entfernt von ihrem Liegeplatz an der Ballastkiste. Das Interesse ist so groß auch bei den Nichtdeutschen, dass uns regelrecht Löcher in den Bauch gefragt werden. „Ein Grund mehr unbedingt mal nach Stralsund zu kommen“, lautet die einhellige Meinung. Zum Abendessen setzt sich Yuri Kushenko wie dann des öfteren an unseren Tisch. Das Gespräch kreist natürlich um sein altes Schiff. „Wir wollten es 2003 in seinen Heimathafen nach Kertsch verholen", erklärt er, „aber die Tovarishch war nicht schwimmfähig". Allein die Schleppreise sollte 500.000 Dollar kosten. „So kam es letzten Endes zum Notverkauf an den Verein Tall Ship-Friends e.V., aber das war andererseits die Rettung und der Beginn ihres dritten Lebens“. Die Besatzung habe bis zum Schluss ohne jeglichen Lohn ihr Bestes gegeben - „und nur darum ging es uns", zieht er Bilanz. Gern würde der freundliche, ruhige Seemann seinen inzwischen veränderten Segler wieder sehen. 25 Jahre hat er auf der Bark zugebracht und hofft: „Dass sie eines schönen Tages wieder segelt und ich das Kommando übernehmen kann.“ Mein Gorch Fock l-T-Shirt und -Basecap wechseln noch an diesem Abend ihren Besitzer. „Du weißt‚ Yuri, die Einladung an den Sund steht“, verabschieden wir uns vom Kapitän. Zum Gorch Fock-Großsegler-Geburtstagstreffen vom 4. bis 7. August 2008 würde er gern kommen, „wenn ich eingeladen werde".

Dr. Peer Schmidt-Walther